Der Cant

Sezession

Vorwürfe, die sich politische Gegner an den Kopf werfen, muß man in der Regel nicht ernst nehmen. Das hat verschiedene Gründe, von denen der offensichtlichste ist, daß diese Vorwürfe jeden treffen und von jedem erhoben werden können. Ein Beispiel wäre die Unterstellung, die jeweils andere Seite habe ein Interesse an der »Spaltung« der Gesellschaft und arbeite an ihrer Vertiefung. Im Gegenzug gibt aber jeder politische Akteur vor, diese Spaltung gerade verhindern zu wollen. Der Vorwurf ist also aus-tauschbar und verfängt im Grunde nur bei denjenigen, die schon vorher davon überzeugt waren, daß er zutrifft.Ein anderer Grund für die Unerheblichkeit solcher Gefechte liegt darin, daß es sich bei den Vorwürfen meist um Worthülsen handelt, was es unmöglich macht, ihre Gültigkeit zu überprüfen. Das trifft idealtypisch auf den Vorwurf der »Heuchelei« zu. Er unterstellt, daß der Gegner etwas anderes sagt, als er tut oder eigentlich tun möchte, daß er also Wasser predigt und Wein trinkt. Heuchelei bedeutet, daß er willentlich täuscht, daß er eigentlich weiß, daß falsch ist, was er behauptet. Das Problem der Heuchelei ist damit im Grunde kein inneres, sondern ein äußeres. Im Innern kann man durchaus wissen, daß das, was man behauptet, falsch ist. Wichtig für die Heuchelei ist der äußere Eindruck, auf ihn kommt es an, da man den Gegner (oder auch seine Anhänger) täuschen will. Derjenige, der heuchelt, wird das nicht zugeben – sein Manöver wäre dann ja sinnlos. Gegen den wirklichen oder vermeintlichen Heuchler erhebt sich der Vorwurf der Heuchelei, der in der Regel seinen Ausgangspunkt in der (behaupteten) Differenz zwischen Sagen und Tun hat. Jemand sagt beispielsweise, daß die AfD ihre Zustimmung zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung nur heuchele, weil sie in Wirklichkeit genau diese Ordnung abschaffen wolle. Das könne sie nur nicht offen behaupten, weil ihr dann ein Verbotsverfahren drohe. Hier nun fehlt diese Differenz zwischen Sagen und Tun, weshalb sich der Vorwerfer mit Wortklaubereien behelfen muß, bei denen er die Worte willkürlich in einen Zusammenhang stellen kann, um den gewünschten Effekt zuerzielen. Anders gelagert ist der Fall, wenn ein sogenannter Aufschrei durch das Land geht, wenn ein Politiker der Altparteien bedroht wird und gleichzeitig die Tatsache, daß AfD-Politiker regelmäßig Angriffen auf Leib und Leben ausgesetzt sind, bei denselben Leuten zu keinerlei Reaktion führt. Hier sorgt die Hereinnahme der Moral dafür, die größten Widersprüche verschwinden zu lassen. Auch hier ist Heuchelei nicht in jedem Fall gegeben. Dieser Tatbestand setzte Einsicht in das Mißverhältnis voraus. Wenn der linke Politiker die Aufnahme »aller« »Flüchtlinge« forderte, seine eigene Wohnung aber nicht zur Verfügung stellt, so ist das zweifellos Heuchelei, in dem Sinne, daß objektiv ein Widerspruch besteht, der allerdings subjektiv gar nicht mehr empfunden wird, weil der Zusammenhang von Sagen und Tun moralisch verwischt wird. Die Anwendung der höheren Moral auf das Ziel des Sagens rechtfertigt das Tun und verdeckt die Differenz. Die Heuchelei wird hier habituell. Bei der Auflösung dieses Sachverhalts ist ein Blick in die Geschichte einer bestimmten Wortbildung hilfreich, weil sie zeigt, daß Heuchelei nichts mit rechter oder linker Gesinnung zu tun hat, sondern mit moralischer Verkommenheit, die auf allen Seiten ziemlich gleich verteilt sein dürfte. Der klassische Heuchler des 19. Jahrhunderts war nicht der Linke, sondern innerhalb Deutschlands der »Spießer«, und international der Brite. Nietzsche meinte auch keine Linken, als er im Zarathustra den »Heuchler« beschrieb, sondern jemanden, der sich selbst belügt. Die Heuchelei des Spießers parodierte Gustav Meyrinck in seinem Wunderhorn als klassenlosen Selbstbetrug, bei dem mehr dem Schein als dem Sein entsprechend gelebt wird. Vor allem aber über die Karikatur des Untertan von Heinrich Mann ist die Tatsache, daß als weltgrößte Heuchler einmal die Briten galten, etwas in Vergessenheit geraten. Es geht um den Cant, der einmal als spezielle britische Art der Heuchelei galt (heute sagen die Briten zum Heuchler hypocrite), die man enträtseln und vor allem entlarven mußte, wenn man dem Weltmachtanspruch der Briten entgegentreten wollte. [...]

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