Traurigkeit ist eine Verlustanzeige (Essay von Dushan Wegner)

Dushan Wegner

Wir kennen die äußeren Kennzeichen der Traurigkeit, die gebückte Haltung etwa, oder die zusammengezogenen inneren Muskeln der Augenbrauen. Manche Hunde beherrschen das traurige Dreinschauen besonders effektiv. Es heißt, dass Hunde den berühmten traurigen Blick lernten, als sie domestiziert wurden. Wölfe verfügen nicht über den kleinen Muskel am Auge, den es fürs traurige Dreinschauen braucht. Wölfe müssen nicht traurig gucken können, denn Wölfe betteln nicht um ihr Essen (theatlantic.com, 17.6.2019, basierend auf pnas.org, 17.6.2019). Wissenschaftler forschen in menschlichen Gehirnen, mit welchen neuronalen Effekten unsere Traurigkeit einhergeht (sciencedirect.com, April 2020). Man kann heute wissenschaftlich erklären, warum der Traurige sich schwertut, die Nuancen seiner Traurigkeit zu benennen. Traurigkeit fühlt sich wie eine einförmige und erdrückende Masse an, anders als etwa die Wut, deren Schattierungen selbst der Wütende zu unterscheiden vermag. Traurigkeit ist aber mehr als nur nach innen gezogene Augenbrauen und elektrochemische Vorgänge im Gehirn. Traurigkeit ist mehr als die schwarze, schwere Wolke, die sich in jenen Momenten über uns legt. Traurigkeit ist eine Markierung auf unserem Weg, wie das Ortsschild an einer Station unseres Lebens. Inserate und Todesanzeigen Früher, als die Menschen täglich die Zeitung lasen, inklusive der Inserate auf den hinteren Seiten, und als andere Leute anständiges Geld zahlten, um zwei oder drei Zeilen als ein solches Inserat abdrucken zu lassen, da konnte man schon mal erfahren, dass ein Kind sein liebstes Kuscheltier verloren hatte oder ein Ehemann seinen Ehering. Die Hoffnung aufs Wiederfinden war nicht die einzige Motivation einer solchen Verlust-Anzeige. Vergleichen wir die Verlust-Meldungen eher mit den Todesanzeigen wenige Seiten weiter in derselben Zeitung. Indem die Familie des Verstorbenen bekannt gab, dass der Tote tot ist, erkannte sie den Verlust öffentlich an. Trauer ist die ritualisierte Form der Traurigkeit darüber, dass man einen Menschen verlor. Die Trauer-Anzeige wie auch die Verlust-Anzeige erklärten: »Ich bin einer, der verloren hat.« Von Kälbern und Chancen Wer von einem geliebten Menschen getrennt wird, der kann nicht anders, als tief traurig zu sein. Wenn Tod und Verlust widernatürlich waren, etwa wenn Eltern ihr Kind verlieren oder der Tod durch ein Verbrechen oder einen Unfall geschah, dann kann die Traurigkeit ein Leben lang auf der Seele lasten.

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